A NIGHTMARE ON QUEER STREET

Das queere Horrorkino als Kategorie gibt es nicht. Was es gibt, sind Filme von queeren Autor:innen, mit queeren Figuren oder queerer Ästhetik. Manchmal, filmgeschichtlich allerdings höchst selten, eine Kombination aus allen dreien. Wie also überhaupt eine Schau zu diesem Thema angehen? Am besten gar nicht, sagte meine innere Stimme. Doch dann kroch eine Erinnerung in mir hoch: An einem heißen Oktobertag vor über einem Jahrzehnt saß ich Clive Barker gegenüber und fragte ihn danach, weshalb man in seinen Arbeiten solch eine Liebe zum Monströsen spürt. Er schaute mich an und sagte nur: „Because we are the monsters.“ In dem Moment habe ich zweierlei begriffen: Dass Herr Barker ein gutes Gaydar hat. Und wie eng Queerness und Horror miteinander verbunden sind. Fans von Blut und Beuschel und queere Menschen wurden und werden teilweise immer noch als randständig, abnormal und potenziell gefährlich und gesellschaftszersetzend angesehen. Das Erkennen der Gemeinsamkeiten ließ in mir utopische Gefühle aufkeimen. Auf einmal war da keine Scham mehr. Plötzlich war ich stolz darauf, ein Monster zu sein. A Nightmare on Queer Street versammelt einige Beispiele, in denen Queerness und Horror zusammenfinden. Alle sind Kinder ihrer Zeit.

Und die meisten davon grundverschieden in Lust und Laune, Form und Ausprägung. Populäre Produktionen wie Jack Sholders A Nightmare on Elm Street Part 2: Freddy’s Revenge oder Andrew Flemings The Craft be- und verhandeln Queerness nicht direkt, sondern über mal mehr, mal weniger offensichtliche Subtexte, die vielfach auch erst Jahre bis Jahrzehnte nach dem Erscheinen der Arbeiten beleuchtet worden sind. Jess Francos Vampyros Lesbos ist hingegen ein ausschließlich auf den männlichen Blick hin kalibrierter Film, der das in den Siebzigerjahren populäre Subgenre um lesbische Vampirinnen mitbegründet hat, während The Destroying Angel aus derselben Dekade ein hochgradig idiosynkratisch inszenierter und ikonoklastischer schwuler Horror-Porno ist, entstanden zu einer Zeit, als affirmative Darstellungen von Homosexualität so gut wie ausschließlich auf Fringe-Formen wie Sex- und Avantgardeproduktionen limitiert waren. Auf den jugendlichen Markt ausgerichtete Achtziger-Düsen wie Sleepaway Camp und Fear No Evil schleppen psychosexuelle Elemente in Subgenres wie Slasher und Okkulthorror ein und bitten um Empathie mit den zentralen, als queer codierten Figuren, nur um sie im Finale umso wirkmächtiger untergehen zu lassen.

Würde A Nightmare on Queer Street eine stringente Geschichte erzählen, wäre das eine Lüge. Die Retrospektive schlägt Haken und biegt ab, mal falsch, dann wieder richtig, ist ein Sammelsurium an filmhistorischen Berührungspunkten zwischen Queerness und Horrorkino. Ein Angebot, eine Einladung, ein Anfang. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

(Markus Keuschnigg)